Han­del mit der Un­ge­wiss­heit

Aus ei­nem Auf­satz über die No­bel­prei­se für Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten 2001 von Klaus Con­rad in Spek­trum der Wis­sen­schaft 12/2001:

"Die drei Preisträ­ger leg­ten das Fun­da­ment zu ei­ner all­ge­mein gül­ti­gen Theo­rie über Märk­te, bei de­nen die Par­teien un­ter­schied­lich ge­naue In­for­ma­tio­nen über die Qua­li­tät des Han­dels­guts ha­ben...

Geor­ge A. Aker­lof.. ana­ly­sier­te als Erster, welch hei­kle Kon­se­quen­zen ein sol­cher Fall von "a­sym­me­tri­scher In­for­ma­tion" für das Funk­tio­nie­ren des Mark­tes hat...

Als Bei­spiel wähl­te Aker­lof den Ge­braucht­wa­gen­markt. Der Ver­käu­fer ei­nes Al­tau­tos kennt des­sen Qua­li­tät ge­nau; da­ge­gen hat der Käu­fer nur ge­rin­ge Mög­lich­kei­ten, Aus­kunft über die Qua­li­tät des Au­tos zu be­kom­men (Pro­be­fahrt, War­tungs­heft)...

Neh­men wir an, die Be­sit­zer gu­ter Au­tos tren­nen sich nur von ih­rem Fahr­zeug, wenn sie min­destens DM 20000, - er­hal­ten, wo­hin­ge­gen sich die Ei­gen­tü­mer schlech­ter Au­tos.. schon mit DM 10000, - zu­frie­den ge­ben. Die Käu­fer wä­ren be­reit, ma­xi­mal DM 24000, - für ei­nen ein­wand­freien fahr­ba­ren Un­ter­satz aus­zu­ge­ben und DM 12000, - für ei­nen man­gel­haf­ten.
Bei voll­kom­me­ner In­for­ma­tion wür­den al­so gu­te Au­tos zu ei­nem Preis zwi­schen DM 20000, - und DM 24000, - den Be­sit­zer wech­seln und schlech­te für DM 10000, - bis 12000, -. Ein Tausch kommt zu Stan­de, und der Markt funk­tio­niert.

Bei asym­me­tri­scher In­for­ma­tion er­war­tet der Käu­fer da­ge­gen nur ei­ne durch­schnitt­li­che Qua­li­tät. Ent­spre­chend wird er höchstens DM 18000, - aus­ge­ben, wenn er da­von aus­ge­hen muss, dass gu­te und schlech­te Stü­cke gleich häu­fig, aber für ihn nicht un­ter­scheid­bar sind..
Die.. Ei­gen­tü­mer gu­ter Au­tos (wür­den da­mit).. Ver­luste ma­chen und ih­re Fahr­zeu­ge des­halb vom Markt neh­men... Die­se Spi­ra­le setzt sich fort, bis nur noch Wa­gen der nie­drigsten Qua­li­täts­stu­fe zu ei­nem ent­spre­chend ge­rin­gen Preis ver­kauft wer­den. Im En­der­geb­nis ha­ben schlech­te Fahr­zeu­ge die hoch­wer­ti­gen aus dem Markt ge­drängt -.. (ne­ga­ti­ve Aus­wahl).. Gu­te Wa­gen wer­den nicht ge­han­delt, ob­wohl es dur­chaus Käu­fer gä­be, die mehr da­für zah­len wür­den, als die Be­sit­zer ver­lan­gen.

In sei­nen bahn­bre­chen­den Ar­bei­ten zeig­te Aker­lof auf, dass asym­me­tri­sche In­for­ma­tio­nen ein weit ver­brei­te­tes Pro­blem sind. Wie er nach­wies, las­sen sich da­mit so un­ter­schied­li­che Miss­stän­de er­klä­ren wie.. die Schwie­rig­kei­ten Äl­te­rer, ei­ne er­schwin­gli­che pri­va­te Kran­ken­ver­si­che­rung ab­zu­schlie­ßen, oder die Dis­kri­mi­nie­rung von Min­der­hei­ten auf den Ar­beits­märk­ten.

Glaub­haf­te Sig­na­le für Qua­li­tät

In viel­en Fäl­len kön­nen al­ler­dings die An­bie­ter ei­nes Wirt­schafts­gu­tes dem ge­schil­der­ten Markt­ver­sa­gen er­fol­greich ent­ge­gen­wir­ken. Dies zeig­te der zwei­te Lau­reat: A. Mi­chael Spen­ce...

Dem­nach un­ter­nimmt die bes­ser in­for­mier­te Markt­sei­te gro­ße An­stren­gun­gen, Qua­li­tät zu sig­na­li­sie­ren. Der Be­sit­zer ei­nes gu­ten Au­tos kann bei­spiels­wei­se ei­ne Ge­währ­leistung über 20000 Ki­lo­me­ter.. ge­ben. Dies ist ein glaub­haf­tes Sig­nal und trennt die hoch­wer­ti­gen von den schlech­ten Ge­braucht­wa­gen...
Mit­tler­wei­le ha­ben sich viele Sig­na­le eta­bliert, wel­che die In­for­ma­tion­sa­sym­me­trie ver­rin­gern. Da­zu ge­hö­ren Mar­ken­na­men oder Ket­ten (von Kauf­häu­sern, Restau­rants, Ho­tels und so wei­ter). Auch Wer­bung er­füllt letzt­lich ei­ne Sig­nal­funk­tion: Selbst wenn sie das Blaue vom Him­mel ver­spricht, zeigt sie zu­min­dest, dass der An­bie­ter sein Pro­dukt schon er­fol­greich un­ter die Leu­te ge­bracht hat; denn sonst könn­te er sich die ho­hen Wer­beaus­ga­ben nicht leisten.

Spen­ce ent­wi­ckel­te sei­ne Ideen über die Be­deu­tung von Sig­na­len am Bei­spiel der Aus­bil­dung und de­ren Kosten. Da der Per­so­nal­chef die an­ge­bo­re­nen Fä­hig­kei­ten ei­nes Be­wer­bers nur schwer di­rekt er­ken­nen kann, ver­traut er auf.. Aus­bil­dung...
Wer ein Di­plom vor­wei­sen kann, do­ku­men­tiert da­mit sei­ne prin­zi­piel­le Eig­nung für an­spruchs­vol­le Po­si­tio­nen, die ent­spre­chend gut do­tiert sind. Da we­ni­ger Ta­len­tier­te zu ho­he Aus­bil­dungs­kosten (ei­ne zu lan­ge Stu­dien­dauer) hät­ten, wer­den sie das Sig­nal nicht er­wer­ben. Die Aus­bil­dung und de­ren Kosten schei­den al­so die Be­gab­ten von den we­ni­ger Be­fä­hig­ten und über­win­den da­mit das Pro­blem der asym­me­tri­schen In­for­ma­tion. Wenn al­ler­dings bei nie­dri­gen Aus­bil­dungs­kosten al­le das Sig­nal (das Abi­tur oder ein Di­plom) er­wer­ben kön­nen, ver­liert es sei­nen Wert , weil es die bei­den Grup­pen nicht mehr se­pa­riert.

In sei­nem Grund­mo­dell un­ter­stellt Spen­ce so­gar, dass Aus­bil­dung die Fä­hig­kei­ten nicht er­hö­hen muss, um als Sig­nal er­fol­greich zu sein. Sie zei­ge nur, dass der Be­wer­ber ei­ne Hür­de ge­nom­men hat, die an­de­ren zu hoch er­scheint. In der Tat dürf­te sich manch ein Be­wer­ber mit Di­plom an die Wor­te sei­nes Chefs erin­nern, er kön­ne ge­trost al­les ver­ges­sen, was er ge­lernt ha­be - er brau­che die­se Kennt­nis­se im Be­rufs­le­ben oh­ne­hin nicht. Dem­nach sind die Aus­bil­dungs­kosten ei­gent­lich ei­ne Ver­schwen­dung volks­wirt­schaft­li­cher Res­sour­cen; den­noch müs­sen sie auf­ge­bracht wer­den, um ei­ne an­ge­bo­re­ne Fä­hig­keit zu sig­na­li­sie­ren. Märk­te kön­nen dem­nach erstaun­lich inef­fi­zient sein.

Der drit­te No­bel­preisträ­ger - Jo­seph Eu­ge­ne Sti­glitz..." trägt nichts zum The­ma Schu­laus­bil­dung bei, soll aber auch ge­nannt sein.

Klaus Con­rad in Spek­trum der Wis­sen­schaft - DEZEMBER 2001