Lern­met­ho­den

Na­tur­wis­sen­schaf­ten

Ih­re prak­ti­schen Er­fol­ge in un­se­ren Ta­gen sind in die Au­gen fal­lend; aber noch oft be­geg­nen wir der An­sicht, als bil­de­ten die­se Er­fol­ge den ein­zi­gen An­spruch, den die Wis­sen­schaft an die Theil­nah­me der Welt zu stel­len hat. Für die Ei­nen ist sie ein Hand­werk; für An­de­re gilt sie nur als ei­ne An­häu­fung von That­sa­chen. Wer sol­che Vor­stel­lun­gen hegt, weiss nur we­nig von je­ner gro­ßen Lo­gik, wel­che das ge­sam­te Na­tur­sys­tem ver­bin­det und durch­dringt, de­ren Un­ter­su­chung und Ent­fal­tung das ruhm- und ver­ant­wor­tungs­vol­le Ziel der Na­tur­for­schung bil­det. Fer­ne sei es von mir, für die Na­tur­wis­sen­schaf­ten ei­ne Stel­lung zu bean­spru­chen, wel­che an­de­re For­men der Geistes­bil­dung aus­schlies­sen möch­te; stets wer­de ich auf der Sei­te de­rer der­je­ni­gen ste­hen, wel­che ge­gen die Al­lein­herr­schaft der ex­ac­ten Wis­sen­schaf­ten ge­gen­über von Geistes­wis­sen­schaf­ten kämp­fen. Nur durch das nüch­ter­ne Licht des Ver­stan­des er­leuch­tet, wür­de un­se­re Welt ganz far­blos und grau; sie be­darf in glei­chem Maas­se auch auf an­de­ren Ge­bie­ten der Füh­rung und der Er­wär­mung durch ho­hes Emp­fin­den und gros­se Ge­dan­ken. Dies kann ich zu­ge­ben, aber den­noch da­ne­ben den An­spruch er­he­ben, dass den Na­tur­wis­sen­schaf­ten ein grös­se­rer An­theil an der Er­zie­hung un­se­res Vol­kes ein­ge­räumt wer­de; als dies bis jetzt der Fall ist.
Ro­yal Insti­tu­tion, April 1880
J.T.

Das Zi­tat stammt von John Tyn­dall aus der Vor­re­de zur 6.Au­fla­ge sei­nes Buch Heat as a mo­de of mo­tion, Lon­don 1880 (Erstau­fla­ge 1863), zi­tiert der deut­schen Aus­ga­be der 8. Auf­la­ge mit dem Ti­tel Die Wär­me be­trach­tet als ei­ne Art der Be­we­gung, Braun­schweig 1894. John Tyn­dall war Mit­glied der Ro­yal So­cie­ty und Pro­fes­sor für Phy­sik an der Ro­yal Insti­tu­tion of Lon­don.

Noch ein Ge­dan­ke von Tyn­dall:

"Dies al­les er­for­dert Nach­den­ken, um rich­tig ver­stan­den zu wer­den, aber je­de Geistes­ar­beit, die Sie sich jetzt auf­er­le­gen, wird Ih­nen die spä­te­re Ar­beit er­leich­tern kön­nen; und ich emp­feh­le Ih­nen, die Ge­duld nicht zu ver­lie­ren, auch wenn Sie jetzt noch nicht zu völ­li­ger Klar­heit ge­lan­gen. Ver­las­sen Sie die­sen Theil un­se­res Ge­genstan­des nicht oh­ne ernst­li­che Be­mü­hun­gen, ihn zu ver­ste­hen; rin­gen Sie ei­ne Zeit lang da­mit, aber ver­za­gen Sie nicht da­bei"(S.161)

Die ei­ge­ne Spra­che

"Wie wich­tig aber die... ei­ge­ne.. Spra­che ist und wie sehr sich Sprach­schlam­pe­rei über­all aus­wirkt, hat ein an­de­rer be­reits vor un­ge­fähr 2500 Jah­ren viel bes­ser zum Aus­druck ge­bracht, als ich es könn­te. Des­halb sei hier Kung Fu Dse, den wir ger­ne zum Kon­fu­zius entstel­len, zi­tiert: "(Jo­chen Sticht aus Worps­we­de)
"Wenn die Spra­che nicht stimmt, dann ist das, was ge­sagt wird, nicht das, was ge­meint ist.
Ist das, was ge­sagt wird, nicht das, was ge­meint ist, so kom­men kei­ne gu­ten Wer­ke zustan­de.
Kom­men kei­ne gu­ten Wer­ke zustan­de, so ge­dei­hen Kunst und Mo­ral nicht.
Ge­dei­hen Kunst und Mo­ral nicht, so trifft die Justiz nicht, so weiß das Volk nicht, wo­hin Hand und Fuß set­zen.
Al­so dul­de man kei­ne Will­kür­lich­keit in den Wor­ten. Das ist es, wo­rauf es an­kommt."
(Kung Fu Dse)

Das Zi­tat von Jo­chen Sticht wur­de als Le­ser­brief im c't 7/2001 ab­ge­druckt. Sticht hat da­mit in erster Li­nie ge­gen die mas­sen­haf­te Ein­füh­rung von An­gli­zis­men in der deut­schen Spra­che ar­gu­men­tiert, aber ich glau­be, das Zi­tat von Kung Fu Dse kann um­fas­sen­der als Ar­gu­ment für die Spra­chaus­bil­dung und den Deutsch­un­ter­richt an al­len Schu­lar­ten ver­stan­den wer­den. Wer aber selbst er­lebt, wie we­nig so­gar Abi­tu­rien­ten in der La­ge sind, das aus­zu­drü­cken, was sie tat­säch­lich aus­drü­cken wol­len, der braucht kei­ne Zi­ta­te von Kung Fu Dse.

Über die Theo­rie in tech­ni­schen Be­ru­fen

"...; weil die Theo­rie in sol­chen Sa­chen ei­ne gu­te und oft er­prob­te Füh­re­rin der Pra­xis ist, zu neuen Ent­de­ckun­gen in der An­wen­dung, und zur Ver­bes­se­rung des schon Vor­han­de­nen lei­tet, und al­so vom ge­wöh­li­chen Schlen­drian ab­zieht, der das Wie und Wa­rum we­nig be­rück­sich­tigt."

Das Zi­tat stammt von Tho­mas Tred­gold's Buch "­Grund­sät­ze der Dampf­hei­zung" von 1826 (Nach­druck der deut­schen Aus­ga­be von 1837 durch Schä­fer Druck, 1983; Zi­tat von Sei­te VI).

An­for­de­run­gen an ei­nen Ar­chi­tek­ten in rö­mi­scher Zeit

"Der jun­ge Ar­chi­tekt (In­ge­nieur) soll

  • li­te­ra­risch ge­bil­det und fä­hig sein, sich selbst klar aus­zu­drü­cken
  • aus­ge­bil­de­ter Konstruk­teur sein und in der La­ge, Plä­ne, Auf­ris­se und an­schau­li­che Darstel­lun­gen zu zeich­nen
  • zu­ver­läs­si­ger Ma­the­ma­ti­ker sein
  • wohl­be­le­se­ner und woh­ler­zo­ge­ner Mann sein mit ei­nem aus­ge­dehn­ten Wis­sen im Be­reich Myt­ho­lo­gie und der Le­gen­de, so dass er auch in der La­ge ist, Ent­wür­fe wie Gie­bel­skulp­tu­ren oder Frie­se an­zu­fer­ti­gen, oh­ne da­bei gro­be Feh­ler zu ma­chen
  • ei­fri­ger Er­for­scher ver­schie­de­ner Zwei­ge der Phi­lo­sop­hie sein,
    • be­son­ders der Na­tur­phi­lo­sop­hie (ent­spricht heu­te den Na­tur­wis­sen­schaf­ten)
    • und der Mo­ral­phi­lo­sop­hie (dies soll ihn stär­ken ge­gen­über Hab­sucht und Kor­rup­tion)
  • die Grund­la­gen von Akustik und Mu­sikt­heo­rie ver­ste­hen
  • me­di­zi­ni­sche Kennt­nis­se be­sit­zen, be­son­ders hin­sicht­lich der öf­fent­li­chen Ge­sund­heit
  • ju­risti­sche Grund­kennt­nis­se be­sit­zen
    • ge­setz­li­che Vor­schrif­ten ken­nen für die ver­schie­de­nen Mes­sun­gen be­zü­glich der Was­ser­rech­te, Be­leuch­tung usw.
    • in der La­ge sein, ei­nen Ver­trag auf­zu­set­zen, der klar und un­zwei­deu­tig ist
  • Grund­kennt­nis­se in der Astro­no­mie be­sit­zen, um Städ­te und La­ger auch oh­ne mag­ne­ti­schen Kom­pass aus­rich­ten zu kön­nen
  • Kennt­nis­se in Bau­pla­nung, Bauent­wurf, Ma­te­rial­kun­de usw. ha­ben.

Die An­for­de­run­gen stam­men aus dem Buch "De Ar­chi­tec­tu­ra" von Vi­truv, das ver­mut­lich um 30 v.u.Z. ge­schrie­ben wur­de und Kai­ser Au­gustus ge­wid­met war. Die da­ma­li­ge Be­rufs­be­zeich­nung Ar­chi­tekt um­fasst auch den Auf­ga­ben­be­reich, die heu­te ei­nem In­ge­nieur zu­geord­net wä­ren. Die An­for­de­run­gen sind wie­der­ge­ge­ben in Die Tech­nik der an­ti­ken Welt von John Gray Lan­dels.

Wi­ki­pe­dia: Vi­truv